Donnerstag, 12. Juli 2012
TV - Herr Eppert sucht... (5 out of 5)
Donnerstag - spätabends um 23 Uhr - und ich schreibe über "Herr Eppert sucht..." - wie passend!
Denn doppelt versteckt läuft diese erstklassige Sendung eben donnerstags um 23.30 Uhr - also gleich - und dann auch noch auf dem vielen Menschen noch unbekannten ZDF-Spartenkanal ZDFneo.
Obwohl... - ZDFneo und Herr Eppert - das passt schon gut!
Im von RTL dominierten Unterschichten-Fernsehen der großen Sender zur Massenberieselung und -verdummung wäre für ein so gutes und innovatives Stück TV-Journalismus ohnehin kein Publikum zu finden und damit auch keine Quote und kein Sendeplatz.
ZDFneo hingegen hat sich zumindest bei einer kleinen Gemeinde und Insidern längst einen sehr positiven Ruf erarbeitet - als mutiger und moderner Kanal für Junge, Junggebliebene und Menschen mit noch etwas Anspruch an die TV-Unterhaltung. Kurzum - also so ganz, ganz anders als der als Rentnersender verschrieene Mutterkanal ZDF, der letztlich aber viel zu häufig finanziert auch noch durch unsere Gebühren den fast identischen Schrott auf den Markt schmeißt wie RTL...
Aber zurück zu "Herr Eppert sucht..."...
Herr Eppert, das ist der Journalist Thorsten Eppert - Jahrgang 72 und damit in etwa meine Generation.
Vielleicht liegt es auch hierin begründet, dass ich mich mit seinen Ansichten, seiner Herangehensweise und seiner Art oft erstaunlich gut identifizieren kann.
Worum geht es bei "Herr Eppert sucht..."!? - In jeder Sendung sucht Herr Eppert im Grunde genommen Menschen und Geschichten zu einem jeweils übergeordneten Thema. Mal sucht Herr Eppert die Liebe, mal Streit, mal den Tod oder ein anderes mal die Heimat. In 30 Minuten begibt er sich in jeder Folge aus drei unterschiedlichen Perspektiven auf die Suche nach Antworten auf seine Suche.
Als er zum Beispiel den Porno suchte, stellte er zunächst ein Paar vor, das gemeinsam professionelle Pornos dreht und das Ganze als völlig normal und schlicht spaßig darstellte, dann eine Ex-Porno-Darstellerin, die von den Schattenseiten zu berichten wusste und schließlich besuchte er die abartigen Dreharbeiten einer Amateur-Bukkake-Produktion (war mir vorher auch nicht bekannt - Bukkake - das ist mal grob formuliert: eine Amateurfrau lässt sich von einem Profi ficken und gleichzeitig von 20 oder 30 Amateur-Männern anspritzen und anpinkeln). Letzteres war dann auch ohne allzu explizite Darstellung (auch ZDFneo ist schlussendlich ein öffentlich-rechtlicher Sender) tatsächlich einfach ekelhaft und billig.
Genau hierin liegt eine der Stärken von "Herr Eppert sucht..." - Thorsten Eppert wirkt stets ehrlich und authentisch, er geht auch dorthin wo es weh tut (ihm oder den Protagonisten), er führt die Menschen in seinen Reportagen nie vor und gottlob sagt und zeigt er auch jedes Mal was er von den Menschen und Geschichten hält. Aber selbst wenn er die Äußerungen oder Handlungen der Menschen in seinen Reportagen abgrundtief ablehnt - er zeigt es, er sagt es, aber er klagt die Menschen nicht an und macht sich nicht über sie lustig.
Kurz zurück zur Porno-Folge. Eine der Frauen sah im Kurz-Interview nach ihrem Bukkake-Auftritt völlig fertig aus, sie war nahe den Tränen, beteuerte aber, dass das ein ganz tolles Erlebnis war und alle Männer unheimlich toll gewesen seien. Danach sieht man Thorsten Eppert auf der Straße auf dem Weg weg von diesen Dreharbeiten und dabei sagt er sinngemäß: "Kein Stück habe ich ihr das abgekauft. Hey, ich will hier gar nicht lügen - natürlich schaue ich ab und zu Pornos. Und man soll ja auch nie nie sagen. Mit etwas Abstand mag es sich wieder ändern, aber als Momentaufnahme hier und jetzt kann ich sagen: Ich bin mit dem Thema Porno jetzt fürs Erste definitiv durch!"
Und als der aalglatte Produzent von diesem perversen Streifen mit stolz geschwellter Brust fragte wie ihm die Dreharbeiten denn nun gefallen hätten, da sagte ihm Thorsten Eppert auch ganz nachdrücklich wie abartig er das fand. Er lies aber dem Produzenten dankenswerter Weise auch den Raum darauf zu antworten und so sagte der Primitiv-Porno-Produzent die schonungslose Wahrheit: "Danke! Das ist für mich ein Riesenkompliment und erfolgsversprechend! Denn, wissen Sie, wir leben in Zeiten - je abartiger, je erfolgreicher werde ich meinen Film an die Leute bringen!... Tja, so ist unsere Welt...
Aber auch bei weniger reißerischen Suchen besticht "Herr Eppert sucht..." durch den beschriebenen offenen und fairen Umgang des Journalisten mit den Menschen in seinen Geschichten.
Unvergesslich zum Beispiel der Moment als Herrn Eppert buchstäblich die Kinnlade runterfiel, als er bei "Herr Eppert sucht Streit" eine studentische Burschenschaft besuchte und die Herren dieser schlagenden Verbindung mit voller Überzeugung auf einer Feier die verbotene Strophe unserer Nationalhymne schmetterten. Schon der Blick und die Körperhaltung und -spannung verrieten wie unwohl er sich in dem Moment fühlte und später sagte er das dem rechten Gesocks auch offen - wieder aber ohne dabei herablassend oder oberlehrerhaft zu sein.
Ja, und so bringt "Herr Eppert sucht..." Woche für Woche drei fast immer interessante Geschichten zu einem Such-Thema - er stellt Menschen wie du und ich vor, er berichtet von alltäglichen und weniger alltäglichen Geschichten - stets offen, stets kritisch, stets fair und, wie gesagt vielleicht auch eine Frage der Generation, sehr oft ganz nah an meinem Empfinden, meiner Sicht der Dinge, meiner politischen und gesellschaftlichen Haltung...
Aktuell laufen auf ZDFneo Wiederholungen der ersten beiden Staffeln - donnerstags um 23.30 Uhr.
Alle Folgen sind überdies in der ZDFMediathek verfügbar.
Und ab Herbst gibt es neue Folgen!
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Hallo Kai,
AntwortenLöschenich habe mir grade zum ersten Mal die Folge zu den Burschenschaften angesehen und dachte mir, dass ich gleich mal schaue, wie es Andere fanden und bin so auf Deinen Artikel dazu gestoßen, der mich hier und da etwas stutzig gemacht hat. Hier meine Anmerkungen:
Es wurde keine verbotene Strophe unserer Nationalhymne gesungen. Die erste Strophe vom "Lied der Deutschen" gehört weder zur Nationalhymne, noch ist sie verboten. Die Bedenken, die Herr Eppert geäußert hat, sind schlüssig, doch dem "rechtes Gesocks" hat er dann offen was gesagt? Klar. Offen seine Meinung hat er gesagt. So sollte es sein. Doch wo war das rechte Gesocks? Ach, richtig! Der als "Schwarzer" verkleiderte Nazi. Ich verstehe.. Was mich an dieser Stelle nachdenklich gemacht hat, war am Meisten, dass Du einerseits lobst (nicht direkt, aber eine Anerkennung schwingt mit), dass Herr Eppert seine Ansichten nicht "oberlehrerhaft oder herablassend" äußert, es im gleichen Atemzug/Satz aber selbst herablassed bist. Wie passt das zusammen?
Gruß aus Hannover